Die Bahn, Kinder und ein Kaffee in D-Dorf

Von Soulsnatcher • 27. März 2008 • Kategorie: Donnerstag, Unterwegs

Meine Mutter sollte Weihnachten bei uns verbringen, wollte aber zu ihrem Geburtstag am 26.12. bereits wieder daheim sein (Schon wegen der Besucher und meiner Geschwister).
In unserem Fall ist das leider auch immer mit einem gewissen, logistischen Aufwand verknüpft da ich schon vor einiger Zeit über 350 km Raum zwischen AK und den Rest der Verwandtschaft gebracht habe.
Also stellte sich die Frage wie wir „unser Mutter“ am besten von Iserlohn nach Zweibrücken und wieder zurück bringen.
Da „unser Mutter“ schon einige Wochen vorher mit meiner Schwester zu Besuch war und in diesem Zusammenhang bereits Erfahrungen mit dem Wochenendticket (Für 28 € in 24 Stunden kreuz und quer durch die Republik mit Gruppen bis zu 5 Personen incl.) machen konnte hielten wir das für eine gute Alternative.
Nur leider hatte meine Mutter nicht den Mut alleine zu fahren da die Rückfahrt damals recht katastrophal verlief.
Da der Preis aber generell gegen eine Abholaktion mit dem Auto (ca. 70€ Sprit, 3-4 Stunden hin, 3-4 Stunden zurück, Stau, Stopp `n Go etc.) im Vorteil war, dachte ich kurz darüber nach, ob ich mich morgens in aller herrgottfrühe in einen Zug setze um meine Mutter abzuholen.

Schnapsidee?
Vielleicht, wenn man aber noch folgende Komponenten mit rechnet, sieht das ganze schon anders aus:
Ich bin eigentlich ungeheuer gerne unterwegs.
Ich komme aber in letzter Zeit nicht mehr so viel „unter Leute“.
Ich fahre eigentlich ganz gerne Bahn.

Also war die Entscheidung schnell gefällt.
So kam es, dass ich am 21.12. mit einem Laptop, 2 Scheibenweltromanen, einer Thermoskanne Kaffee und halbwegs guter Laune in Zweibrücken am Bahnsteig stand.
Abfahrt Zweibrücken bis Pirmasens saß ich allein. Ich griff mir zunächst einmal ein Buch, goss mir einen Becher Kaffee ein und las.
Ich genoss die Ruhe. Der Zug war einer dieser modernen Schienenbusse, zumeist in Rot.
Sauber, leise, und gemütlich.
Mit bester Laune ausgestattet ging ich an das erste Umsteigen. Ich würde in Kaiserslautern, Bingen, Koblenz und Düsseldorf umsteigen müssen, denn der Haken bei den Wochenendtickets ist der, das man nur mit Nahverkehrszügen (werden durch folgende Kürzel gekennzeichnet: S-Bahn, RB, RE, IRE) fahren darf.
Von Koblenz bis Düsseldorf würde ich etwas über 2 Stunden unterwegs sein und wollte in der Zeit eine Rezension schreiben. Daher der Laptop.

In Kaiserslautern stieg ich um und erwischte einen Zug nach Bingen. Auch dies ein moderner und leiser Zug, wenig besetzt, füllte sich aber langsam. Da ich noch etwas Müde war, beschloss ich, bei einem weiteren Becher Kaffee Nanny und Agnes noch ein wenig zu begleiten.
In Bingen hieß es dann umsteigen in einen Zug der Marke: späte, siebziger Jahre mit Graffitischmiererei verunzierte Rappelkiste.
Der Zug ist voll und ich brauche eine Weile bis ich einen Platz finde.
Es ist laut, man hört jeden Schienenübergang. Ein enormes Stimmengewirr im Zug. Ich identifiziere verschiedene Sprachen, Portugiesisch, italienisch und eine arabisch wirkende Sprache. Weder an Arbeiten noch an Lesen ist wirklich zu denken.
Mit meinem Rucksack auf dem Schoss sitze ich da, lausche nehme das „Flair“ des alten Waggons auf. Überlege dass die beiden Männer mir gegenüber ganz offensichtlich arabischer Herkunft sind. Aber woher?
Was hat sie kurz vor Weihnachten in dieses alte, leicht vergammelt wirkende Bahnabteil 2. Klasse der DB verschlagen?
Auf der anderen Seite des Ganges sitzen Portugiesen. Ein älteres Paar mit einem Kind.
Ihr Enkel? Wenn ja, wohin geht die Reise?
Ich mag dieses Spiel. Irgendwo im Zug oder in einer Kneipe sitzen, wo man niemanden kennt und sich Gedanken über fremde Schicksale zu machen.
Ein bisschen abenteuerlich gestimmt durch die fast antike Ausstrahlung des Abteils genieße ich einfach die Aussicht und die Fahrt an der verregneten Mosel entlang und erreiche Koblenz.
Der Zug auf den ich mich zu bewege ist wieder einer der neuen Generation. Ein Doppelstöcker. Ich begebe mich nach oben. Finde sofort einen Sitzplatz und setze mich, ohne groß nachzudenken. Mit der Arbeit am Laptop will ich noch einen Moment warten, bis der Zug rollt.
Vor mir, hinter mir und rum um mich herum sitzt eine Familie mit 5 oder 6 Kindern. Man weiß nicht, wer am lautesten ist.
Mutter oder Kinder.
Ich habe wirklich kein Problem mit Kindern. Aber ich lebe seit Jahren mit einem Hund der lieber seine Ruhe hat. Sowohl meine Freundin, als auch der Hund und meine Person sind Individuen die Ruhe gewohnt sind.
Im Normalfall sprechen wir daheim sogar leise. Wenn wir unsere Patenkinder besuchen dann genießen wir das und sind Lieb zu denen.
Doch ich muss sagen, das ich mich ganz enorm gestresst fühle, wenn 6 Kinder rund um mich herum springen, ich damit zu tun habe, das kleinste (so zwischen 18 und 24 Monate alt) davon abzuhalten, sich komplett auf mein Buch zu setzen, zwei größere Kinder den Zug rauf und runter rennen, mich dabei zweimal anrempeln (Natürlich ohne sich zu entschuldigen) ich meinen Kaffee verschütte und nach ca. einer halben Stunde fing das kleine auch noch an zu kreischen. Und ich schwöre, sie ereichte satte 100 DbA.
Das wurde nur getoppt von der Mutter beim Versuch sie zu beruhigen. (Aha, daher hat die Kleine das)
Alla hopp, ich sitze auf einem Platz mit guter Aussicht, die Fahrt geht viel am Rhein entlang, vergessen wir den Laptop, vergessen wir Nanny Ogg genießen wir die Aussicht.
In Düsseldorf angekommen bin ich auch wieder etwas besser gelaunt. Als bekennendes Landei mag ich das Flair das Düsseldorf an seinem Flughafen und an seinem Riesigen Bahnhof verströmt. Das ist so dieses weltoffene Feeling.
Ich sehe Menschen verschiedener Abstammung und Rasse.
Höre wieder das Stimmengewirr aus verschiedenen Sprachen.
Und erfahre, das MEIN ZUG SATTE 40 MINUTEN VERSPÄTUNG HAT!

Na super. Eigentlich war in Hagen ein Aufenthalt von etwa einer Stunde geplant in dem ich mit einem Großteil meiner Familie Kaffee trinken wollte.
Nun stehe ich hier herum. Das Flair des Bahnhofs ist mir plötzlich Sch…egal.
Aber auch diese Zeit geht rum und mein Zug kommt und bringt mich nach Hagen.

In Hagen bleiben uns dann noch etwa eine halbe Stunde dann geht es wieder zurück nach D-Dorf.
In D-Dorf ist übrigens die Schachstelle der Rückreiseroute denn wir haben hier nur 15 Minuten Zeit unseren Anschlusszug zu finden und zu entern.
Danach haben wir in Koblenz 40 Minuten und in Saarbrücken 32 Minuten Zeit zum Umsteigen.
Doch leider kommt der Zug in Hagen bereits mit 8 Minuten Verspätung an. Also wird es in D-Dorf schon etwas eng.
Da der Zug es dann schafft seine Verspätung auf satte 18 Minuten auszubauen. KRIEGEN WIR IN D-DORF UNSEREN ANSCHLUSS NATÜRLICH NICHT MEHR.
Na klasse. Nach Auskunft eines Bahnmitarbeiters verschiebt sich dadurch unser Reiseplan um eine Stunde.
Nun gut. Macht ja nichts. Nehmen wir uns die Zeit. Gehen in Ruhe mit unserer Reisebekanntschaft, einer jungen Italienerin auf dem Weg zum Blind Date in Bonn, noch einen Kaffee trinken. Bei der Gelegenheit stellen die junge Frau und ich fest, dass wir uns vor ein paar Jahren schon einmal getroffen haben (in irgendeiner Kneipe in Menden Sauerl.).
Mit einer Stunde Verspätung steigen wir in den Zug nach Koblenz. In Bonn steigt unsere Reisebekanntschaft aus, in Andernach gibt es einen Aufenthalt weil der Rettungswagen jemand rausholen muss. Aber wir erreichen Koblenz.
Hier erst mal Fahrplanauskunft konsultieren.
Der Anschluss nach Saarbrücken? Nein, der fährt nicht stündlich, der fährt 2 stündlich.
Mann könnte aber eine andere Verbindung nehmen. Über Ingelheim Neunkirchen und Saarbrücken. Also noch zweimal umsteigen. Also auch noch zweimal das Risiko den Anschluss zu verpassen. Und das um letztlich 10 Minuten früher anzukommen? Nein danke.
OK. Also zum McDonalds, Kaffee und Burger. Um ehrlich zu sein. Mir macht das ganze auch noch Spaß. So komme ich auch mal dazu, mich ausgiebig mit „unser Mutter“ zu unterhalten.
Statt um 18:23 (wie geplant) steigen wir um 20:23 Uhr in den Zug nach Saarbrücken.
Eigentlich wollte ich im Zug weiter hinten sitzen doch als wir im letzten Waggon ankommen muss ich meine Mutter leider bitten doch wieder mit mir nach vorne zu gehen. Im letzten Wagon nämlich sitzen genau DIE Mutter und DER Vater und DIE entsprechenden Kinder.
Weiter vorn im Zug finden wir ein bequemes Plätzchen und hier auch mal die Gelegenheit den Laptop raus zu kramen und mit diesem Bericht anzufangen.
Nach meiner Rechnung müssten wir mit dem Anschlusszug von Saarbrücken aus Zweibrücken genau um 5 Minuten vor 12, also kurz vor Auslaufen des Tickets erreichen.
Anschlusszug? Ähm, besser fragen.
Der vorbeikommende Schaffner wird konsultiert und siehe da, dieser Mann ist wirklich in der Lage sich ein Buch aus der Tasche zu holen und etwas nachzuschlagen. Leider hat er keinen direkten Anschluss für uns, wir müssen auf Homburg ausweichen. Geht aber auch noch. Ist ok.
Ab hier geht dann auch nichts mehr schief. Wir erreichen Homburg / Saar um 23:27 Uhr (pünktlich).
Im Großen und Ganzen waren die 28 € meiner Ansicht nach gut angelegt. Vor allem da ich der Meinung bin, wenn man mir anbietet mich für 28 € durch die Republik zu schaukeln, sollte mir klar sein, das ich KEINE 1. Klasse Tickets habe und auch einmal mit ein wenig Stress rechnen muss. Ich gestehe dass es mir sogar Spaß gemacht hat.
Das Personal war überwiegend freundlich, vor allem im Saarland und in Rheinland Pfalz. Hier waren Zugbegleiter und Schaffner auch in der Lage, Aussagen zu überprüfen bevor sie getroffen wurden was in NRW leider nicht der Fall war.
Das einzige Problem war eigentlich der Bummelzug von Hagen nach D-Dorf. Ich glaube dass hier ein etwas lustloser, vielleicht auch übermüdeter Lokführer am Werk war, denn der Zug fuhr einen merkwürdigen schnell-langsam Wechsel. Aber OK, jeder hat mal ´nen schlechten Tag. Vielleicht war auch einfach die recht betagte Lok überlastet.

PS: Der Artikel handelt von Weihnachten 2002. Das angesprochene Ticket gibt es offenbar nicht mehr.

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2 Responses to “Die Bahn, Kinder und ein Kaffee in D-Dorf”
  1. Oh Hell Yeah Ich hasse Zug fahren es gibt defenitiuv nichts schlimmeres!

    Aber ansich ist das ne schöne geschichte!

  2. Soulsnatcher says:

    Och, wie geschrieben, ist gar nicht so schlecht.
    ich hohle dich mal mit dem Zug ab :)
    Sollst sehen was wirfür nen Spass haben :)

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