Der Waldspaziergang

Von Soulsnatcher • 13. April 2008 • Kategorie: Fühlen, Leben, Schätze, Sonntag, Unterwegs

Noch ein altes Schätzchen aus der Schatzkiste:

Geschafft, ich bin, nach 50 min. gemächlichem Spazierengehen´s, an der Lichtung angekommen.
Ich habe mein Pausenbrot verzehrt, von dem Jerry natürlich seinen Teil abbekam, habe mir einen Kaffee eingeschüttet, und meinen Laptop auf den Knien.
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Schon etwas komisch, im Wald zu sitzen, Kaffee zu trinken und auf einer Tastatur herumzuhacken. Aber heute vormittag war mir da einfach nach. Also habe ich mir robuste Schuhe, eine warme Vliesweste, und eine Lederjacke im Landhausstil angezogen, einen Rucksack gepackt und bin losmarschiert.
Um ehrlich zu sein: in meinem Ohr sitzt ein kleiner, böser Zwerg und flüstert mir die ganze Zeit zu: “Herrlich kitschig, AK. Fehlt nur noch die Hintergrundmusik. “Rocky Mountain High” von John Denver wäre gut.” Naja, Zwerge sind eben so.
Reden immer wenn sie nicht gefragt werden. Kennt das nicht jeder? Wenn man über eine Hochzeit in Weiß nachdenkt, nennen sie es “kitschig.”
Wenn man sich in die Freundin des Bruders, des Freundes oder der Freundin verliebt, tauchen sie zu zweit auf, der eine sagt: “Das ist unanständig” der andere: ” Pfeif auf den Anstand”.
Und wenn man Hunger hat, sagen sie: “Du bist zu dick.” So sind sie, die Zwerge. Ihr einziger Sinn und Lebenszweck besteht darin, einem das Leben schwer zu machen. Ich jedenfalls habe diese “kitschige” Wanderung genossen. Das ganze Jahr habe ich in Büros gesessen, habe mich mit Menschen befaßt und versucht meinen neuen Job gut zu machen. Ich denke, das ist mir bis jetzt auch halbwegs gelungen, auch wenn der Zwerg jetzt was anderes sagt.
” Das meinst Du, aber wie sehen das die anderen?”
Egal, du Zwerg, ich finde mich gut. Und außerdem bin ich 185cm groß. Wie groß bist Du, Zwerg?
So, jetzt wird er für ein paar Minuten sein Schandmaul halten. Es ist Herbst, und im Wald merkt man das besonders. Die Sonne scheint durch die Baumwipfel, beleuchtet die goldenen Blätter, und läßt einen vergessen, das es bereits ziemlich kalt ist.
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Unterwegs kam ich an einem Privatfriedhof vorbei. Ein paar Gräber stammen aus dem 19. Jahrhundert, das jüngste, das für mich einsehbar war, ist vielleicht zwei Jahre alt. Dieser Anblick hat mich veranlaßt, über das Leben an sich nachzudenken.
Was ist das eigentlich? Das Leben? Ist das nur der Zeitraum zwischen Geburt und Tod? Oder gehört mehr dazu? Ich wurde 1966 geboren. Meine Generation begann “ihr Leben” eigentlich in den frühen achtziger Jahren.
Damals gab es noch Punks. Die kamen zum Ende der siebziger Jahre aus England. Bunte Haare, Stachelhalsbänder und Sicherheitsnadeln in Ohren und Nase. Der “Uniformierte Individualismus”. Botschaft: “Färbe deine Haare blau, und zeig das Du ein Individuum bist.”

Dieser angebliche Individualismus hat sich bis in die heutige Zeit fortgesetzt.
Die Toten Hosen spielen heute zwar in höchstoffiziellen Fernsehshows, aber behaupten immer noch Punks zu sein. Und die, die zu meiner Zeit noch gegen das System waren, sind heute genauso ein Teil davon wie ich.
Ob sie es zugeben oder nicht.
Ich selber bin das beste Beispiel. Mir wird kalt, Zeit, weiter zu gehen. Fröstelnd schließe ich meine Jacke. Auf dem Weg sehe ich ein paar Eicheln liegen. Oder sind es Bucheckern?
Vor zwanzig Jahren hätte ich das noch gewußt. Wie lange habe ich solche Dinge nicht mehr gesehen? Und das obwohl ich regelmäßig hier vorbeikomme.
Ich scheine zu wenig meine Umgebung zu beachten. Ein paar Meter weiter weiß ich auch wieder warum.
Ich sehe den Kronkorken einer großen Biermarke, eine leere Zigarettenschachtel der Marke: Cowboys Lungentod Medium, gebrauchte Papiertaschentücher und ein benutztes Kondom. Spuren der sogenannten Zivilisation. Oder habe ich mich schon so lange nicht mehr um meine Umwelt gekümmert, das ich mir nicht mehr vorstellen kann, wie ein Rehbock ein Kondom verwendet, und sich bei der Zigarette danach genüßlich eine Flasche Bier öffnet und die Nase abwischt?

Jerry scheint das wenig zu stören. Er schnüffelt hier, schnüffelt da, und scheint den Müll zu ignorieren. Irgendwie beneidenswert, sein Leben. Er hat jemand,der seine Steuern zahlt, der seine Futterdosen öffnet, der seine Hundedecke wäscht und mit ihm Gassi geht. Er hat aber auch jemand, der mit ihm schimpft wenn er, seiner Natur gehorchend, den Mülleimer plündert. Der ihn in der Wohnung einsperrt, wenn draußen schönstes Streunerwetter ist, der ihn festhält, wenn ein Reh über den Weg springt mit dem man nach Herzenslust herumtoben könnte, und der ihm ein Halsband umlegt.
Na,vielleicht ist ein Hundeleben doch nicht so toll.

Nach einer Weile biege ich ab, auf einen Weg, den nie eines Menschen Fuß berührte. Nach wenigen Metern schon sehe ich die Spuren beschlagener Pferdehufe, eine leere Coladose und die Reifenspuren eines Unimog.
Also doch schon Menschen vor mir.
Kaum verwunderlich, nach fünfhundert Jahren Entdecker-und Eroberertum der weißen Rasse.
Am Wegesrand liegt eine gefällte Buche.
Irgendein Messer schwingender Lingualakrobat hat ungelenk die Worte “leck mich a….” in den Baum geschnitzt.
Wenn seine Mami wüßte, was er so tut, wenn er sagt, ich gehe in den Wald. Ob sie weiß, das Junior nicht einmal das böse Wort mit A richtig schreiben kann? (Ach ja, das Wörtchen “am” fehlte auch.)
Irgendwie ist das, was sie heute Kultur nennen selbst für mich schwer zu verstehen. Sie sprechen von einer Hip hop Kultur. Ich finde es eher merkwürdig, mit Farbdosen nachts an Brückenpfeilern irgendwelche Kritzeleien zu hinterlassen, und Musik zu hören, in der jemand Reime aus den Wörtern Motherfucker und Shit stottert.
Ich denke bei dieser Gelegenheit an meinen Vater. Ihm gefiel die Musik die meine Geschwister und ich hörten auch nicht. Und vermutlich gefiel die Musik, die er hörte auch seinem Vater nicht. Das war wohl immer so. Und wird sich wohl in den nächsten Jahren auch nicht ändern.

Ein Stück weiter bleibe ich noch einmal stehen. An einem Baum sehe ich ein Loch. Nichts besonderes an und für sich.
Doch es ist, glaube ich, das erste Mal das ich das Bauwerk eines Spechtes sehe. Irgendwie komisch. Ich dachte schon, die gibt es nicht mehr.
Und als ich letztlich daheim wieder ankomme, wird mir klar, was Leben bedeutet:
Das, was man daraus macht. Schön wäre es nur, wenn die Welt, ganz so wie in dieser Bankwerbung, sich mal einen Tag nur um mich drehen würde.
Wo, zum Teufel, bleiben die 15 Minuten Berühmtheit, die Andy Warhol allen Menschen versprach?

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