α«    Whiskey und Mails « Der alte Mann und der Berg » Cuisine traditionell dans Verdun   »Ω   

Der alte Mann und der Berg

Soulsnatcher 19.03.2010; 19:56;

Kategorien: Leben , Mittwoch, Donnerstag, Freitag, Unterwegs,

"Du sagst mir jetzt nicht, das du Verschlafen hast, oder?"
"Weiss nicht, wie spät ist es?"
"Kurz nach drei."
"Verdammt ich habe verschlafen." Trotz des Ernstes der Lage (oder gerade deswegen) kann ich den Montagsmundschenk leise auflachen hören, werfe ihn mit einer leisen Entschuldigung aus der Leitung und hechte ins Bad. In Ordnung, die Sachen sind gepackt, ich brauche nicht lange und bin auch schon bald bei ihm.
Wir schaffen es trotz Verschlafens und Verpassens der richtigen Ausfahrt (ehrlich Willi, ich habe kein Schild gesehen) pünktlich zur Maschine, landen gegen halb 10 Ortszeit in London und gehen erst mal Frühstücken.
Meine Reiseminister hat ein unglaubliches Talent: Er findet die Abenteuerlichsten Flughäfen in Irland. Wie schon in Cork ist die Landung in Knock durchaus dramatisch zu nennen. Die Maschine kracht auf die Landebahn so das einige der Fluggäste sogar aufschreien und der Pilot haut alles rein was bremst, was die Maschine zu einem wilden "Tanz" bewegt.
Zu diesem Eindruck kommt dass der Flughafen ungefähr das Flair eines "Dschungel-Schmuggel-Flughafens" in Bogota hat, aber wenigstens eine Asphaltpiste besitzt. Na egal, wir sind in Irland, wieder mal. Und es ist der 17. März. St. Patricksday. Im Mietwagen auf der Strasse von Knock nach Castlebar steigen erste düstere Visionen von durchzechten Nächten, Kopfschmerzen und schlimmeren in mir auf. Dazu ist schon bald die Silhouette des Croagh Patrick zu sehen. Da will ich ja auch noch hoch.
Aber bei der Höhe wird das heute nichts. Zu wenig Zeit.
Im Hotel in Westport eingecheckt sind wir schnell, umziehen und Paddysday Parade ansehen.
Die wissen hier wirklich wie man feiert. Den Anweisungen der Garda wird widerspruchslos Folge geleistet, alle sind fröhlich, entspannt und als der Zug auftaucht ist die Stimmung so freundlich als ob jeder jeden kennen würde. Kinder die sich offensichtlich eine Glibberschlacht geliefert haben begegnen uns, sehen aus als wären sie eben dem schleimigen Schlund eines Aliens entronnen, haben Spass und lachen.
Manchen der anwesenden Frauen steht das Grün ganz ausgezeichnet. Grün passt eben zu roten Haaren :)
Anschliessend geht es zurück nach Castlebar um das Konzert zu sehen, das eindeutig besser war als das in Timoleague. Auf dem Weg dahin überkam mich bleierne Müdigkeit, aber die Musik putscht auf und reicht aus, noch einige Stunden im Matt Molloys zu verbringen. Auch hier herrscht die übliche Stimmung: Fröhlich.
Doch die Müdigkeit, der lange Tag, das alles fordert Tribut also greifen wir auf dem Heimweg noch eine Tüte mit Burgern ab und machen uns auf zum Hotel.
Beim Absacker in der Hotelbar begegnen uns zwei ältere Amerikaner aus Baltimore. Naja, Älter. Um ehrlich zu sein könnte es vom Alter her noch für den D-Day gereicht haben und als sie uns erzählten was für einen starken Führer wir in Deutschland mal hatten wird das Gespräch grenzwertig.
Also ab aufs Zimmer, die Burger verschlingen und einschlafen.
Am frühen morgen werde ich wach, sehe mich im Zimmer um. Die leeren Tassen in denen wir uns Tee gekocht haben stehen natürlich noch da, auf dem Boden zwischen den Betten liegen Burgertüten und Burgerpapier.
Es sieht Wüst aus und ein Gedanke schiesst mir durch den Kopf: 'Oh mein Gott, wir sind zu verf****en Rockstars mutiert und verwüsten Hotelzimmer.'

Am Mittag schälen wir uns aus den Betten und nehmen am Hafen unser Mittagessen ein. Fantastische Muscheln, Krabbenscheren und Lachs. Alles frisch aus der Region. Willi überredet mich, wenigstens einmal zum Croagh zu fahren und zu schauen, denn eigentlich habe ich das schon aus Zeitgründen abgehakt. Als wir ankommen hat es bereits angefangen zu stürmen, aber nicht zu regnen. Ich überlege nicht lange, laufe los.
Der Pilgerweg beginnt mit einer Treppe bis zu einer Statue des heiligen Patricks, danach kommt nur noch felsiger, steiniger Krabbelpfad. ein Schild weist darauf hin, das man bei nassem oder nebligem Wetter nicht auf den Croagh steigen soll.
Was solls, ich habe passende Kleidung an, das Wetter ist doch nicht nass, allenfalls feucht und Nebel? Naja ein wenig vielleicht, aber nur ganz oben und ich glaube nicht das ich da ganz raufkomme und gehe los.
Als ich noch ein Kind war, hatten wir nur einen Fernseher, drei Programme, mein Vater die Fernbedienung und ARD und ZDF diese ganzen grausigen Luis Trenker Filme.
Ich bin also bestens gerüstet.
Aber der Berg scheint sich gegen mich zu wehren. Er wirft heftige Winde auf mich wie ein Feldherr seine Armeen gegen den Feind. Mehrmals legt der Wind sogar meinen iPod lahm, schaltet ihn auf Pause.
Dieser Wind und die Steigung fordern Kraft und nach etwa 100 Höhenmetern lege ich eine Pause ein. Von unten sehe ich eine menschliche Gestalt den Berg erklimmen. Jogginghose, grauer Sweater. OK, ich bin also nicht der einzige.
Etwa eine Viertelstunde später, bei einer zweiten kurzen Pause, holt diese Gestalt - ein freundlich grinsender Ire - mich mit der Bemerkung "Stormy Day" ein und ist auch schon wenig später aus dem Sichtfeld des hechelnd dasitzenden Deutschen verschwunden. Der macht das wohl öfter, so wie der hier hochsprintent.
Ich klettere weiter. Stemme mich gegen den Wind, der wirft mich mehrmals fast um, einige Male muss ich sogar stehenbleiben weil ich die Kraft nicht aufbringe den Fuss nach vorne zu setzen. Einige Mal bleibe ich stehen und geniesse die fantstische Sicht auf die Bucht und die kleinen Inseln. Zweimal stösst mich der Wind fast um. Mein Trotz den Berg zu erklimmen kühlt sich beständig weiter ab.

Ich mach eine weitere Pause, hocke mich auf einen Stein, sehe hinauf zur Spitze des Croagh und sehe wie sich eine Wolke um die Spitze legt, er wirkt drohend. Beim Aufstehen erwischt mein Gegner mich kalt, stösst mich fast ganz um und ich lande erst einmal wieder auf dem Stein. Allein mit der Natur, und sie hat scheinbar gewonnen. Frustriert ziehe ich mir eine Zigarette aus der Tasche und beginne mich zu fragen was ich hier tue. Spirituelle Erleuchtung suchen?
OK, das wars. Finster schaue ich mir den Felsen noch einmal an und drohe ihm, eines Tages wieder zu kehren. Noch einmal sehe ich kurz die Gestalt des Iren, der fast den Gipfel erreicht hat. Merkt der den Wind nicht? Dann mache ich mich an den Abstieg. der Rückenwind ist eine gute Hilfe dabei, und ich springe leichtfüssig wie eine Gazelle von Stein zu Stein, wobei so ein Sprung auch beängstigend weit werden kann, wenn einen dabei der Wind erwischt und noch weiter trägt als man wollte.
Willi hat in einer Taverne auf mich gewartet und ehrlich: gut das ich ihn dabei hatte.
Kein Jammern kein Murren, einfach nur gewartet.
An diesem Abend mutieren wir wieder zu Rockstars, nehmen uns vor in jedem Pub mindestens ein Guinness zu trinken. Ein Kleines nur, aber: keine Chance. Die Gespräche sind intensiv, tiefschürfend, gehen weit in die Vergangenheit zurück und fördern oft erstaunliches zu Tage, aber kein normaler Mensch kann soviel Bier trinken.
Wir kommen bis zu Matt Molloys. Da sitzen wieder Musiker in einer Ecke, spielen vor sich hin und die Stimmung hält einen einfach gefangen. Ausserdem steht ja am nächsten Tag die Rückreise an, also beschliessen wir auch beizeiten ins Hotel zurückzukehren.
Als wir den Flughafen Knock erreichen ist die Stimmung schon leicht gedrückt weil man gern noch bleiben würde, die 10 Euro Flughafengebühr hebt das dann nicht wirklich.

Und darum geht es doch bei solchen Reisen: Die Stimmung, oder?

Gutes Reisen da draussen, wo immer ihr auch in Stimmung seid.


Tags: Leben , Irland, Unterwegs, Freundschaften, Croagh Patrick, Castlebar, Westport,


  α«    Whiskey und Mails « Der alte Mann und der Berg » Cuisine traditionell dans Verdun   »Ω   


5 Kommentare

Ronin

19.03.2010; 20:09

"Oh mein Gott, wir sind zu verf****en Rockstars mutiert und verwüsten Hotelzimmer"
Ich hab es ja schon immer gewusst das ihr beiden so drauf seit, weshalb es mich nicht wirklich schockiert um ehrlich zu sein. Viel mehr schockiert es mich das ich mal wieder nicht dabei war!
aber hauptsache hat Spaß gemacht! ;)

Montagsmundschenk

19.03.2010; 22:39

...ja war echt ´ne tolle Tour aber das mit dem Tee hättest Du wirklich nicht erwähnen müssen!

" Und das einzige was die Amis wirklich erfunden haben war die Mondlandung..."

In diesem Sinne back to usual...

Soulsnatcher

19.03.2010; 22:49

Ach ver**** die Mondlandung hatte ich vergessen :)

Mao-B

20.03.2010; 12:48

warum steigt man auf einen berg?

weil er DA ist!

;-)

Ina

20.03.2010; 18:49

Man kann IHN nicht weg lassen! ;-)

Krawall und Remmidemmi nä? ABER wie IMMER SEHR SEHR gut geschrieben... Habt ihr denn schon alle Andreas sein Buch im Regal! Leute i hope so! ;-)

In diesem Sinne... Schönes Hoffen da draußen ;-) (wem sein Spruch is des?) :-)

Name (*)

E-mail (**)

Website

* erforderlich, ** erforderlich, wird jedoch nicht angezeigt

Bitte die Werte aus dem Bild in das nebenstehende Feld übertragen
->


Montagsmundschenk zu Unter Feinden
Anj zu Warten auf Karl
Mao-B zu Warten auf Karl
Soulsnatcher zu Warten auf Karl
Soulsnatcher zu Warten auf Karl
Anj zu Warten auf Karl
Florian zu Warten auf Karl

Geocaching


Auf allen Vieren ...


Russland 1st Sauerland Pipes & Drums.