24 Stunden

November 29th, 2009 Soulsnatcher Posted in Fühlen, Leben, Sonntag | 11 Comments »

In 24 Stunden weiss ich schon wesentlich mehr.
Die Wahrscheinlichkeit dass während der OP ein Herzstillstand eintritt ist da, wenn auch eher gering. Dass dies zu Komplikationen führt ist eher unwahrscheinlich da ja dann schon ein Professor quasi direkt an meinem Herz dran ist.
Denoch ist das Gefühl das mit dieser OP verbunden ist eher mulmig. Schon weil ich die ganze Zeit (Zeiträume eventueller Herzstillstände ausgenommen) wach sein werde und daher auch mitbekomme was da gemacht wird.
Ich bin schon etwas unruhig, geb ich zu.
In den letzten Tagen waren wirklich alle hier. Manche sogar mehrmals, so wie sie Zeit hatten und der ein oder andere kommt heute noch. Das wiederum ist ein schönes Gefühl.
Morgen um diese Zeit weiss ich wahrscheinlich schon, ob ich den Rest meines Lebens einfach weiter lebe, einen Defibrilator bekomme oder Medikamente schlucken muss.
Mal abwarten wie es wird.
Abwarten ist so ziemlich das einzige was ich in der nächsten Zeit tun kann. Abwarten und Ruhe bewahren.
Daher:
Gute Ruhe da draussen, wo immer ihr auch ruhig bleibt.

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Langer Samstag

November 28th, 2009 Soulsnatcher Posted in Fühlen, Leben, Samstag | No Comments »

img_0106.jpgMorgengrauen über Zweibrücken. Die Wolken ziehen mit einem rötlichen Schimmer schnell über den Himmel und scheinen noch einen Termin zu haben. Auf einer gestutzten Birke schlafen mehrere Tauben und am Himmel zieht eine einsame Krähe vorbei. Es ist noch nicht zu erkennen, ob es eher ein trüber Tag oder ein schöner Tag wird. Fast scheint es, als wäre sich dieser Tag selbst noch nicht ganz sicher.
Der Schurke N. Erv ist fort. Er verschwand einfach so. WC-Dämonen haben mich keine besucht, aber vielleicht hat er ja etwas anderes gehext.
Und noch etwas ist fort: Der Flieger. Vor etwa einer Stunde wäre unsere Maschine nach Dublin gegangen. Normalerweise müsste ich jetzt irgendwo in drei- oder viertausend Meter Höhe über dem Ärmelkanal oder der irischen See sein und auf den Satz “Landing in 10 Minutes” warten. Dumm gelaufen, aber es gibt Hoffnung, der Montagsmundschenk hat sich erlaubt, neu für die Herzkönigin und mich zu buchen. Im Januar. Bis dahin sollte ich das hier hinter mich gebracht haben.
Jemand fragte mich, ob ich Angst vor der OP habe.
Die Antwort ist: Nein, hab ich nicht. Aber ich werde dabei wach sein und habe Angst zu hören wie der Professor bei der OP plötzlich “Upps” sagt.
Ja verdammt, Upps will ich nicht hören, definitiv nicht. Das Wort Upps sollte echt verboten werden.
OK, im Ernst. Es ist keine so schwere Operation die da gemacht wird und es ist eigentlich (so meinte auch die Ärztin gestern) schon erstaunlich das so was überhaupt heute schon geht. Hauptsache er macht es gut und richtig.
Schönen Tag da draussen, wo immer ihr ihn auch verbringt.

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Nachts, wenn alles schläft…

November 25th, 2009 Soulsnatcher Posted in Fühlen, Leben, Mittwoch | 5 Comments »

Durch die großen, schlecht geputzten Scheiben fällt das Licht des nächtlichen Zweibrücken auf mein Bett. Ich bin Unruhig, wälze mich seufzend erneut auf den Rücken, den Kopf zur Seite geneigt sehe ich den blassorangen Schimmer der von den Laternen und dem Dunst der Nacht erzeugt, über der Stadt liegt.
Ich kann nicht schlafen.
Meine Gedankenwelt ist finster wie das Herz eines Vampires und meine Gedanken ein klein wenig Gewalttätig. Nur ein wenig. Nur etwa so Gewalttätig wie die Ernährungsgewohnheiten der Orcas.
Ein Bett weiter hat der Pfälzerwald bereits wieder einige seiner besten Bäume eingebüsst.
Zwischendurch immer wieder gemurmelte Formeln, mit denen vermutlich finstere und finsterste WC-Dämonen gerufen und beschworen werden, die N. Erv, dem Schurken zur Macht verhelfen sollen.
Allerdings nur in den Zeiten, in denen nicht die Toilettentür offen steht, das bleiche Neonlicht in den Schlafraum lässt und ein munteres Plätschern begleitet von Analhusten…
*plopp*
“Enchanté”, verneigt sich ein mir wohlbekanntes Teufelchen.
“Teufelchen! Wie lange haben wir…”
*plopp*
“Das weisst du genau”, fällt mir das ebenso bekannte Engelchen ins Wort. Kaum da, schon wirft es giftige Blicke zum Teufelchen. “Scheinbar kann man dich nicht allein lassen, oder?”
“Ach ne, der Klerus! Mich angiften und selber? Er ist krank und du kommst und machst ihm auch noch Vorwürfe.”
“Ich komme nicht wegen der Vorwürfe, das weiss er genauso wie du, Teufelchen.”

“Könntet ihr beiden vielleicht aufhören zu reden als wäre ich nicht dabei.”
Ich weiss wirklich nicht genau warum meine zwei Reisebegleiter aus Frankreich da sind, zumindest rede ich mir das ein.
“Wegen dem Kissen”, Engelchens Stimme wirkt eiskalt.
“Na komm, das war nur ein kurzer, nicht ernst gemeinter Gedanke.”
“Der dir aber die verdiente Ruhe bringen würde,” ätzt das Teufelchen.
“Hör mal, das war wirklich nur ein Spass, ich mein, er ist ja auch nicht wirklich N. Erv.”
“Nicht?” Teufelchens Gegenfrage verwirrt mich einen Augenblick doch der Blick des kleinen Engelchens spricht Bände. Augenrollend schlägt es die Hände über dem Kopf zusammen.
“Wie kann man nur so sein”, schimpft das Engelchen.
“Nimm ein Tempur Kissen”, wispert Teufelchen. “Das schmiegt sich schön an das Gesicht an.” Ich ignoriere die zwei, das hat auch schon in Frankreich geklappt.
Opa kommt von der Toilette zurück. Seufzend und aufstöhnend schlurft er durch den Raum, die dünnen Beine scheinen zu schmerzen und irgendwie tut er mir schon ein wenig leid. Ich lächle sogar in der Dunkelheit, ein nettes, freundliches Lächeln. Voller Güte und Verständnis. So voller Güte das Engelchens Heiligenschein ein bisschen heller wird. Es schlägt in das Gegenteil um, als die nächsten Formeln durch die Dunkelheit zu mir dringen.
Das wird eine lange Nacht, und noch eine lange Woche, fürchte ich.

(Post is dedicated with special thx to H.D.)

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Einer flog über das Kuckucksnest

November 24th, 2009 Soulsnatcher Posted in Dienstag, Fühlen, Leben | 1 Comment »

Ich bin wieder von der Intensiv runter. Juchu.
Gestern mittag wurde ich verlegt.
Dafür liege ich jetzt mit einem uralten Opa auf einem Zimmer, der erst laut schmatzend sein Mittagessen verschlingt, danach auf der Toillette laut furzend bei offener Tür im Stehen pisst und sich dann selig vor sich hinschmatzend wieder in sein Bettchen kuschelt, wo er dann entweder irgendwann schnarcht oder so eine Art Selbstgespräch führt. Dieses Selbstgespräch hat für mich irgendwie was von Beschwörungsformeln.
Ein Zimmer weiter sass schon gestern eine Dame im Bett und erfreute den kompletten Flur mit einem monotonen “Schwester, Schwester” Singsang. Super.
Da fragt man sich, warum die nicht einfach die Klingel nimmt und schellt.
Die Schwestern hat ihr Rufen nicht wirklich beeindruckt. Das war Fakt.
Der Opa im Nebenbett machte sich dann gestern abend auch gleich bei mir beliebt indem er mich um halb zwölf unvermittelt anraunzte ich solle nun Schluss machen oder er beschwere sich bei der Nachtschwester.

Heute morgen begrüßte mich der Himmel über Zweibrücken dann mit einem tristen Regengrau. Opa fing direkt nach dem Frühstück an, eine Beschwörungen zu murmeln und die Dame im Nebenzimmer hat ihren monotonen “Schwester Schwester” Singsang dann durch das Wort “Hilfe” erweitert.
Diese ganze Szenerie, eingetaucht in das fahle, bleiche Neonlicht, erinnert an diesen Film mit Nicholson, den ich damals sah, noch in der Zeit bevor ich hier her kam. Napoleon und Gott, die liegen 3 Räume weiter und sagen, das die Welt da draussen hinter unseren Gittern gar nicht mehr existiert…….
Ich habe mich verdrückt. Bin in die Cafeteria und versuche heute den Vormittag ganz woanders zu verbringen. Ich will nicht in mein Zimmer, nein in mein Zimmer will ich nicht.

Gutes Verdrücken da draussen, wo immer ihr auch drückt.

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Herzensdinge

November 21st, 2009 Soulsnatcher Posted in Freitag, Fühlen, Leben | 3 Comments »

Man ist nicht „plötzlich weg“, sondern plötzlich „wieder da“. So jedenfalls ging es mir, als ich am Dienstag nach meiner Glucosetoleranzprüfung runter zur Pforte ging um endlich einen Kaffee zu trinken und die erste Zigarette des Tages zu rauchen.

Ich traf meine Herzkönigin die meinte dass ich gar nicht gut aussähe, direkt an der Pforte. Sie dagegen sah toll aus, lächelnd und mit zwei „Coffee to go“ in der Hand.

Dann werde ich wach, höre jemanden meinen Namen rufen, ärgere mich. Warum werde ich schon wieder geweckt. Verdammt, kriege ich niemals meine Ruhe? Und warum ist da dieser Kaffee auf meiner Jogginghose und überhaupt: Warum liege ich so komisch angezogen vor der Krankenhauspforte auf dem Boden und im Dreck?

Angefangen hat es ein paar Tage vorher:

Mi 11.11.

Nachdem ich im Reisebüro fast wieder umgefallen bin, halte ich mein Versprechen und gehe ins Krankenhaus, natürlich erst nachdem ich das Zimmer in Dublin gebucht habe. Hier im Krankenhaus machen sie erst mal ein EKG und röntgen mich. Beim EKG zeigt sich, das ich scheinbar einen fast verschlossenen Herzmuskel habe. Das dumme alte Narbenherz hat sich wohl irgendwas eingefangen.

Ich werde Stationär aufgenommen und glaube dass ich bald wieder raus bin. Steffen kommt extra aus dem Feierabend wieder und kümmert sich um mich. Lieb von ihm und irgendwie beruhigend hier jemanden zu kennen.

Do 12.11.

Heute begannen die ganzen Untersuchungen. Lungenfunktionstest, Ultraschall und noch mal röntgen. Schon die zweite Dosis Strahlung. Wenn das so weiter geht werde ich wohl bei zukünftigen Wutanfällen eine giftgrüne Hautfarbe bekommen während ich wütend grunzend meine Kleidung von den anschwillenden Muskeln reiße.

Die Ultraschalluntersuchung hat ergeben dass meine Karotiden etwas porös sind (recht normal bei Rauchern) und das ich einen merkwürdigen Zusatzherzton habe.

Und he, ich habe es immerhin geschafft, bei der Ultraschalluntersuchung auf den dummen alten „bin nicht schwanger“ Witz zu verzichten.

Ich erhalte Tropflösungen und ein Arzt lässt mir nach der Visite eine Tablette gegen Kreuzweh geben. Ich habe zwar gar kein Kreuzweh, aber ich bin danach ein paar Stunden lang sehr gut gelaunt. Das Zeug ist also irgendeine Droge. Ich sehe aber nicht ein, das ich Drogen schlucke, wenn ich doch Gesund bin, na zumindest aber mal keine Kreuzschmerzen habe.

Fr 13.11.

Heute erhalte ich eine Massage (muss ich für den Wellnesskram eigentlich extra zahlen?) und eine Langzeitblutdruckmessung. Die Massage tut gut, Schwindelig wird mir aber noch immer und das Blutdruckmessgerät verreckt an meinem Arm. Erst misst es alle 5 Minuten, dann gar nicht mehr.

OK, heute ist Freitag (noch dazu der 13.), da wird nicht mehr viel passieren.

Gelegentlich überkommt mich an all diesen Tagen immer mal noch ein leichter Schwindel.

Ich erhalte viel Besuch. Meine Herzkönigin kommt eh jeden Tag mindestens einmal, dazu viele Freunde und Bekannte.

Das tut gut und lenkt ab.

Die Nachricht das mein alter Freund Frank heute an einem Akuten Blinddarm operiert wird erreicht mich per Mail und seine Frau amüsiert sich, das sowohl Frank als auch ich der Meinung sind das der jeweils andere schlechter dran sei.

Sa 14.11.

Laaangweilig. Der Tag kriecht dahin wie ein Bach aus roter Grütze. Zäh und eintönig verrinnen die Stunden. Zwischendurch kommt ein Orthopäde und stellt eine Blockade in meinem Nacken fest, die er auch gleich löst.

Ich habe seit meiner Einlieferung schon „Die Zwerge“ von Markus Heitz gelesen (was Zeit wurde) und „Band of Brothers“ komplett geschaut. Ich fühle mich immer noch nicht krank und sehe immer noch keinen Grund, warum ich hier bleiben soll.

Und den Karton mit den ersten Büchern auf denen mein Name als Autor steht, mache ich im Krankenhaus auf. Nicht eben der Brüller, aber immerhin.

So 15.11.

Jippiekayeh, Schweinebacke. Besuchermarathon. Ich genieße es, freu mich dass die Menschen kommen, bin bereits beim „Krieg der Zwerge“ und ich bin sicher dass ich bald hier wieder raus bin.
Auch wenn meine Besucher mir vorschwärmen wie toll der Samstagabend war. Ich nehme es gelassen. Mein Samstagabend war auch toll. Ich habe lange gelesen, dem Schnarchen meines Bettnachbarn zugehört und hatte statt Guinness und Jameson einen tollen, kalten Pfefferminztee. Und überhaupt, diese Ruhe, nur von gelegentlichem Stöhnen und Jammern aus anderen Zimmern unterbrochen.

Mir scheint die Sonne aus dem A….llerwertesten.

Mo. 16.11.09

Der Himmel ist grau und regnerisch. Ich fühle mich heute nicht so gut und darf nach dem Essen zum Belastungs EKG. Tapfer beginne ich zu treten und die Ärztin meint, ich solle so lange treten bis ich nicht mehr kann oder sie sagt dass ich aufhören kann. Ich hoffe ja, dass ich machen kann bis sie Stopp ruft. Doch dann greift sie zu meinen Beinen und stoppt mich.

„Sofort aufhören“. Laut ihren Geräten war ich kurz vorm Kammerflimmern. Noch ein paar Umdrehungen und sie hätten mich reanimieren müssen.

Ich bin schockiert.

Kammerflimmern? Ich?

Im Leben nicht. Die muss die falschen Anzeigen betrachtet haben. Es scheidet völlig aus das die unkaputtbare AK-Maschine etwas hat. Aber sie zeigt mir dann die Auswertungen und sogar ich erkenne dass etwas nicht in Ordnung ist. Sie und ein weiterer Arzt sind der Meinung dass ich mich „qualifiziert“ für eine Herzkatheteruntersuchung habe. Na toll, was von den beiden so freundlich umschrieben wird als habe ich etwas großartiges geleistet heisst doch verdeckt nur, das ich bereits zum alten kranken Sack mutiert bin. Wie wird mein zukünftiges Leben aussehen? Jeden Tag eine Handvoll Tabletten statt Zigaretten, keinen Whisky mehr und am besten verbieten sie mir den Kaffee gleich mit? Und wenn ich das nicht einhalte bleibt irgendwann die Pumpe stehen?

Ist dass das Leben das ich führen möchte? IST das überhaupt ein Leben?

Ich bin frustriert, genervt und darf nicht mal allein auf mein Zimmer. Nein, eine Schwester holt mich im Rollstuhl ab. Na Super. Wenn ich mich bisher noch nicht krank gefühlt habe, ab sofort bestimmt.

Der hereinbrechende Abend findet mich wieder vor der Krankenhauspforte. Beim Rauchen. Ich weiß das ich wohl aufhören werde müssen. Deshalb tue ich es ja jetzt noch mal.

Wie es weiter gehen wird weiß ich noch nicht. Aber ich werde auf alle Fälle in 12 Tagen in meiner Maschine nach Dublin sitzen. Das ist amtlich. Das lasse ich mir nicht nehmen.

Di 17.11.

Die geben hier noch einmal alles. Als erstes wird mir gesagt das ich morgen um 6:30 Uhr nach Homburg gebracht werde. Dann wird mein Frühstück ausgesetzt. Erst mal ´nen Glucose-Toleranz Test. Das heißt: kein Kaffee, kein Brot, nur ein Glas mit Traubenzuckergesättigtem Pfefferminztee. Ich darf mit einem Schluck Wasser nachspülen nach dem sich knallend meine Fussnägel aufgerollt haben. Ich mag keine süßen Getränke. Ich hasse sie.

Gerade als ich denke, das ich mich wieder in die Kissen sinken lasse und dann die Zeit leichter rum bekomme bis zum Kaffee, kommt die nächste Schwester.

„Herr K., bitte zum EKG.“

Ich staune. Schon wieder? Eigentlich wissen sie doch schon alles, oder? Wie auch immer. Ich trabe los, runter in den ersten Stock. Die beiden Damen hier kenne ich schon und ehrlich: Ich finde sie zickig und unfreundlich. Und da komme dann ich um die Ecke, geweckt worden und keinen Kaffee bekommen. Na grandios.

Wo soll das enden? Aber der innere Diplomat in mir mahnt mich zur Ruhe.

Bleib ruhig, höflich und entspannt. Die machen hier doch alle nur ihren Job. Es gelingt mir wirklich und wenig später sitze ich verkabelt wie eine Suzidbomber der Al-Quaida wieder in meinem Zimmer. Warte auf das Erscheinen der Herzkönigin, evtl. anderen Besuchs und vor allem darauf dass mein Test endlich fertig ist und mir Kaffee gebracht wird. Da spüre ich zwei Dinge gleichzeitig: Das Blutdruckmessgerät springt offenbar schon wieder zu früh an und einer der Sensoren auf meiner Brust scheint sich zu lösen. Na Super.

Fr 20.11.

Das Langzeit EKG hat eine Frequenz von 244 erreicht und nun liege ich auf der Intensivstation, gelte als „Vital gefährdet“. Meine Lieblingsbehauptung dass ich „unkaputtbar“ sei, hört man nur noch selten. Ich bin da etwas bescheidener geworden und muss wohl eingestehen dass ich da wohl wie der alte Siggi ein Lindenblattproblem habe.

Die Intensivstation ist für mich eine völlig neue Erfahrung. Nicht nur eine, auf die ich verzichten kann, sondern auch eine, die mir bewusst macht, wie zerbrechlich auch meine Person ist, wie schnell ein Leben beendet sein kann. Um mich herum stöhnen Menschen, manche vielleicht auch lauter als sie müssten. Geräte piepen, manche schlagen Alarm.

Schnell verstehe ich, dass man die Dringlichkeit eines Alarmes an der Geschwindigkeit der darauf folgenden Schritte messen kann.

Einer der schlimmsten Momente für mich persönlich an diesem ersten Tag zeigt mir jedoch auch, wie gut es mir dennoch und trotz allem geht: Ich muss meine Notdurft verrichten. In einen Stuhl!

Ich habe in einen Stuhl gesch***** und alle wissen es.

Aber ich konnte es wenigstens noch selber machen. Keine Schläuche die in meinen Körper geschoben werden. Kein Zivi, unter dessen Achselhöhle hängend mein Hintern gesäubert wird.

Daher: He ihr da draußen, es geht mir gut! Auch wenn mein Herz etwas stolpert im Moment.

Am Mittwochabend wurde ich dann noch an der Uni Homburg mit einem Herzkatheder untersucht.

Die UNI in Homburg hat für mich etwas von „Emergency Room“. Überall Geräte, alle Zimmer voll, hektische Menschen in Grünen Kitteln schieben, mit einem „Rescue Bag“ auf dem Rücken Betten durch die Gegend. Menschen stöhnen, noch mehr Geräte die Piepen und ich werde gefragt ob es mir was ausmacht für 15 Minuten auf dem Flur zu liegen weil sie den Platz für eine Reanimation brauchen. Ich weiss nicht ob der Mensch überlebte, denn ich wurde dann auch schon weiter in den Behandlungsraum gebracht.

Dank Valiumeinfluss konnte ich mir die Bilder ansehen ohne die Augen zu verdrehen. Wie zerbrechlich so ein Herz aussieht.

Der Arzt warnt kurz vor: „Jetzt wird ihnen etwas warm werden, das ist das Kontrastmittel.“

Warm ist gut, es wird heiß, und wie schnell das Herz Blut durch die Aorta und durch den Körper jagt, merke ich daran, das im allernächsten Moment mein Unterleid so warm wird, das ich denke ich habe eingenässt und mich entschuldige. Hab ich aber nicht, ist dasMittel.

Dann lächelt mich der Mann an: Meine Herzkranzgefässe sind OK, ich hatte auch keinen Infarkt.

Das heißt auf der einen Seite genau das: Die Untersuchungen ergaben keine Fehlfunktionen, aber auf der anderen Seite auch: Weitersuchen.

Der nächste Schritt in meinem Fall ist eine EPU. Da wird ein Schnitt in meine Brust gemacht, ein EKG direkt ans Herz angeschlossen und verschiedene Dinge untersucht.

Wenn dann ein Reizleiter oder so was Probleme macht, kann er gleich verödet werden und mein Problem wäre vermutlich erst einmal gefixt. Wenn nicht, wird man mir einen Herzdefibrilator einbauen. Der wird dann das Kammerflimmern jedes Mal stoppen wenn es auftritt.

Der Gedanke gefällt mir gar nicht. So etwas schränkt mich ein. Ich wäre so was wie ein Cyborg oder so.

Dann sollen sie wenigstens einen Außenanschluss machen. Wenn dann in der Fußgängerzone ein Mensch umkippt, kann ich ihm Starthilfe geben.

Vorläufig bleibe ich mal Intensiv. Das hat der Chefarzt gestern noch mal bekräftigt. Auch wenn der Prof aus Homburg der erst am 30.11. Zeit für mich hat, der Ansicht ist, dass ich doch in der Zeit heim könne, ihm ist das zu heikel. Wenn ich irgendwo wieder mit 244 zusammenklappe, will er dass Hilfe in der Nähe ist. Ich kann ihm folgen. Immerhin würde man ihm wahrscheinlich auch die Hölle heiß machen, wenn ich dabei drauf gehe weil er mich laufen lässt. Nun werde ich bis Montag auf Betablocker und Blutverdünner eingestellt, kriege am Montag noch mal ein Belastungs EKG und dann wird entschieden ob ich wieder auf eine normale Station komme. Klappe ich bei dem EKG wieder um, bleibe ich intensiv. Das Festhalten auf Intensiv, mit eingeschränkten Besuchszeiten und Toilette auf Rollen ist zwar ärgerlich, aber wenn da mehrere Ärzte zustimmend nicken, denke ich mir das es vielleicht besser sein mag, nicht zu mosern, nicht zu jammern, einfach nur zu fragen ob ich meinen Laptop verwenden darf. Ich darf.

OK, so lässt es sich aushalten.

Tja, darum geht es jetzt: Aushalten, durchhalten.

Stärker sein als irgendein Schicksal und darauf vertrauen, das die Ärzte das richtige tun, die Schwestern und Pfleger weiter so lieb und freundlich bleiben und dass ein Veröden reicht. OK, selbst wenn sie mir Geräte einbauen müssen, das Leben geht weiter. Ich werde dann Einschränkungen haben und ja, der Gedanke kotzt mich an, aber es geht weiter.

Mal sehen was wird.

In diesem Sinne.

Gutes Aushalten da draußen, wo immer ihr auch durchhaltet.

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